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  Abschied von Günther Möhring

von Norman Thielsch

Günther Möhring im April 2005 bei der Berliner Meisterklasse (Foto: Carsten Schmidt, nachbearbeitet von Frank Hoppe)

Am Samstag, dem 14. Januar 2006, verstarb unser lieber Schachfreund, inoffizieller Mannschaftsleiter, Trainer und erfolgreichster Spieler unserer Vereinsgeschichte IM Günther Möhring. Er verließ uns unerwartet, unvorbereitet. Noch am 11. Januar versandte er die Mail zum nächsten Punktspiel, Mannschaftsaufstellung, neueste Partieanalysen, alle guten Wünsche für das neue Jahr. Seine E-Mail begann wie zumeist mit der Begrüßung "SchlichtLiebe Schachfreunde". Vielleicht als kleiner Seitenhieb auf den "Eifer" mit welchem wir die Analysen unserer Partien studierten...

Günther wurde 69 Jahre alt. Er liebte das Schachspiel, betrachtete es aus der Sicht eines Wissenschaftlers. Günthers schachliche Karriere begann in den 50iger Jahren in der DDR. Sein Studium der Mathematik absolvierte er eher halbherzig, doch mit großer Leidenschaft vertiefte er sich in das Königliche Spiel. Er nahm an der Studentenweltmeisterschaft teil, durfte sogar einmal ins nichtsozialistische Ausland. Ein Privileg, welches Günther durch systemkritische Töne schnell verloren ging. Es kam für ihn nicht in Frage in "die" Partei einzutreten, sich auf diese Weise ins "System" einzufügen. 1963 errang Günther Möhring den DDR-Meister-Titel. Er wurde sogar für einige Jahre Schachprofi, offiziell mit "Lehrer" umschrieben. In seinen erfolgreichsten Jahren kreuzte er die Klingen mit allen Größen des DDR-Schachs, spielte gegen Tal, Smejkal, Tukmakov, Sveshnikov und etliche Großmeister mehr und errang den Titel Internationaler Meister. Besonders sehenswert sind seine Gefechte mit Wolfgang Uhlmann. Günther begann erfolgreich Fernschach zu spielen. Als er vermutete, dies wirke sich negativ auf sein Turnierschach aus, beendete er jedoch den Postkartenversand. Außerordentlich bemerkenswert, ja kurios ist der 1968 erreichte DDR-Meister-Titel im Go.

Ich lernte Günther Möhring erst 1995 kennen. Es ist mir daher nicht möglich, die verschiedenen Eskapaden und Ereignisse die sein Schachleben in der DDR prägten wahrheitsgetreu wiederzugeben. In unseren Gesprächen erzählte mir Günther, dass sogar bei DDR-Meisterschaften das Wertungssystem mitunter flexibel blieb, bis klar war, wer der Sieger ist bzw. sein sollte. Von Partieabsprachen für die Erfüllung von Titelnormen ganz zu schweigen. Und letztlich stand natürlich stets die Frage, wer welche Turniereinladungen erhielt und dann auch teilnehmen durfte. Betreffs dieser Themen gäbe es sicher viele Anekdoten zu erzählen...

Meine erste Begegnung mit Günther Möhring war bei ihm zu Hause. Er gab Training für die erste Mannschaft des BSV 63 Chemie Weißensee e.V. Ich erinnere mich noch, wie ich einige Züge vorschlug und Ungläubigkeit erntete. Dies sei nicht stellungsgemäß, antipositionell oder gehe nicht war die Antwort. Ich hielt an meinem Zuge fest, wollte die Variante ausspielen. Manchmal ließ sich Günther dann breitschlagen und ich musste irgendwann doch klein beigeben. Das gemeinsame Training erlangte Beständigkeit. Immer Donnerstags, von 18 Uhr oft bis weit in die Nacht hinein analysierten wir Partien und unterhielten uns. Das Analysemodul wurde unser ständiger Begleiter. Dies mag kein Ruhmesblatt sein, aber Günther ging es vor allem um den Wahrheitsgehalt der Analysen und taktische Übersehen lassen sich ohne Computerprogramme nun einmal kaum vermeiden. Günthers Akribie war einer seiner herausstechenden Charakterzüge. Bezeichnend hierfür waren seine Analysen zum geliebten Jänisch-Gambit. Chessbase hatte hinsichtlich einer Veröffentlichung angefragt. Nach monatelanger Arbeit, der Abgabetermin war weit überschritten, verwarf Günther alle Publizitätsabsichten. Die Analysen seinen nicht vollständig genug, dies könne er ernsthaften Schachspielern nicht zumuten und zudem könne Weiß Vorteil erreichen. Ja, Entscheidungen fällte er nicht leichtfertig. Oft diskutierten wir bis Mitternacht hinein. Bis von seiner Frau die Aufforderung zur Ruhe kam. Sie hatte es nicht immer leicht mit uns. Günther führte mich in die Endspielkunst ein, erklärte mir positionelle Grundsätze des Schachs. Sein Engagement für das Jugendtraining in unserem Verein und ebenso für die erste Mannschaft war gewaltig. Gemessen an Günthers Arbeit und Mühen trug sein Trainerhonorar höchstens noch symbolischen Charakter. Für unser Training lehnte er es sogar ab Geld zu nehmen.

Wir fuhren zusammen zu Turnieren. Schon die Autofahrt dorthin war ein "Erlebnis". Besonders bei Dunkelheit waren Straße und Farbahnmarkierung für Günther schwer zu erkennen. Er fuhr daher sehr vorsichtig. Eine Geduldsprobe. Die gemeinsamen Zeiten während der Open-Turniere waren wunderbar. Lange Spaziergänge, viele Diskusionen und Schachanekdoten. Günther hatte einen feinen Sinn für Humor. In der Partievorbereitung überredete er mich einmal ein Bauernopfer anzubieten. Dies war kein leichtes, da ich streng materialistische Maßstäbe ansetzte und die Computeranalyse nur unklares Spiel ergab. Schließlich versprach er mir, eine Niederlage gehe auf seine Kappe. Ich spielte die vorbereitete Variante, der Gegner lehnte das Bauernopfer als zu gefährlich ab und verlor schnell. Als ich stolz meine Partie präsentierte und sagte, der Gegner habe die Annahme des Opfer überhaupt nicht erwogen, erwiderte Günther: "Das hätte ich dir gleich sagen können." Bei einer lange dauernden Partieanalyse vernahm ich plötzlich ein leises Schnauben, nein Schnarchen. Günther war im Sitzen eingeschlafen, es war spät.

Irgendwann wuchs meine Elozahl über die seine. Ich glaube, er freute sich sehr, als ich endlich das erste Brett übernahm und er an zwei rutschte.

Ein Thema, das ihm sehr am Herzen lag war die unsägliche Bedenkzeitverkürzung. Es tat ihm weh zu verfolgen, dass selbst auf allerhöchstem Niveau die Endspielkunst verblasste, dass keine Zeit mehr war, Endspiele ordentlich zu behandeln. Bis zuletzt hoffte er auf die Rückkehr der Hängepartien. Wohl ein hoffnungsloser Traum. Ich erzählte Günther einmal, dass es Ein-Minuten-Weltmeisterschaften gebe. Er dachte ich würde ihn auf den Arm nehmen. Was hätte das mit Schach zu tun? Turniere mit nur 30 min Zeitgutschrift nach dem 40. Zug lehnte Günther kategorisch ab. In Erstaunen mag es da versetzen, das er in den 70iger Jahren auch ein starker Blitzspieler war.

Günther Möhring hat seine letzte Turnierpartie gewinnen können. Ich werde sein Lächeln, seine Begrüßung, seine guten Stellungen neben meinem Brett vermissen. Ein lieber Freund hat Abschied genommen, für immer. Möge das, was er im Leben geleistet hat viele Schachfreunde inspirieren.

Norman Thielsch
BSV 63 Chemie Weißensee e.V.

Auswahl einiger herausragender Partien von Günther Möhring

BSV © 28.07.2006

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