| 1.Damenturnier des Neuen Deutschland |
von Frank Hoppe
Vor achtzehn Jahren gehörte das ND noch zu meiner Standardlektüre - als eine von drei Tageszeitungen neben der Berliner Zeitung und der Jungen Welt. Am elterlichen Herd verschlang ich das ND - allerdings meist nur die sehr guten und ausführlichen Sportseiten. Die vielen, endlosen Seiten mit den ungekürzten Referaten aus dem Politbüro überließ ich meinem Stiefvater. Unsere Interessen trafen sich nur, wenn ich für den Staatsbürgerkunde-Unterricht Material benötigte. In dem Fall vertiefte sich mein Stiefvater in die Thematik, markierte besonders wichtige Abschnitte und stellte anschließend seinen Standpunkt dar.
Mit dem Mauerfall 1989 und der deutschen Wiedervereinigung kamen für das "Neue Deutschland" schwere Zeiten. Das Organ der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands kämpfte ums Überleben. Die staatsnahe Berichterstattung war im vereinten Deutschland nicht mehr tragbar und die Auflage sank von einer Million Exemplaren auf unter 50.000. Inzwischen ist die Zeitung in eine GmbH umgewandelt worden und versteht sich als Organ, das politisch der Linkspartei nahesteht, aber unabhängig ist. Die Sozialistische Tageszeitung, wie sich das ND jetzt im Untertitel nennt, hat den Sprung vom Parteiorgan zur freien Tageszeitung geschafft.
 | | Frank Hoppe | | Dagobert Kohlmeyer im Kniefall vor Melanie Ohme | |
Die Verbundenheit des ND mit dem Schach ist gerade durch die Berichterstattung der Hamburger Firma ChessBase sehr zu spüren. Es vergeht kaum eine Woche, in der ChessBase nicht ein oder gar mehrere Schach-Artikel und -Interviews des ND zitiert. Bis zum ersten ND-Schachturnier war es nur eine Frage der Zeit und am 17.November 2006 war es soweit.
Anmerkung: Ob dieses Turnier wirklich das erste des ND war, vermag ich im Augenblick nicht sicher zu sagen. Schon allein bei den ND-Pressefesten gab es immer sehr viel Schach.
In Zusammenarbeit mit der Zeitschrift Dorland, Emanuel-Lasker-Gesellschaft, der ChessBase und der Werbeagentur Schach lud das ND zum 1.Damenturnier ein. Zuschauer akquirierte die Zeitung über ein Preisausschreiben. 50 Gewinner sollten die Möglichkeit bekommen, dem Turnier beizuwohnen. Das erweckte den Eindruck einer geschlossenen Veranstaltung und stellte mich vor die Frage, ob ich überhaupt eine Ankündigung auf der Verbandshomepage bringen sollte.
 | | Frank Hoppe | | Monika Seps, Melanie Ohme, LSB-Vizepräsidentin Gabriele Wrede, Elisabeth Pähtz, Inna Gaponenko | |
Die zu erwartende Einlaßkontrolle schreckte dann auch sicher viele Vereinsspieler von einem Besuch ab. Einer davon war auch ich, doch dank unseres Präsidenten Dr.Matthias Kribben bekam ich trotzdem Zutritt - ohne sein Engagement wäre dieser Bericht sonst nicht möglich gewesen.
Die vereinbarte "Parole" brauchte ich dann aber doch nicht am Eingang zu den Räumen der Lasker-Gesellschaft. Von einer Kontrolle war nichts zu spüren. Der Türsteher machte jedenfalls keine Anstalten mich und den mit mir eintreffenden Ehrenpräsidenten Alfred Seppelt zu stoppen und nach dem Begehr zu fragen. Die Verlosung war ein geschickter Schachzug des ND, um normalsterbliche Schachliebhaber zu einem Turnier zu locken und die Profis etwas auszubremsen. Auf den Zuschauerplätzen entdeckte ich dann auch so gut wie kein bekanntes Gesicht. Aber das will ja noch nichts heißen, zumal es mit meinem Gedächtnis sowieso nicht zum Besten bestellt ist. Ein paar Hände schütteln konnte ich trotzdem - von Leuten, wo ich den Namen noch wußte und die auch mit mir was anfangen konnten ...
 | | Frank Hoppe | | Die Damen lauschen der Eröffnungsrede von Paul Werner Wagner | |
Kurz nach 16 Uhr eröffnete der Vorsitzende der Emanuel-Lasker-Gesellschaft, Paul Werner Wagner, das Turnier. Er stellte die Teilnehmerinnen kurz vor und erzählte dann von seiner ersten Begegnung mit Thomas Pähtz im Jahr 1973. Seitdem verfolgt er den Werdegang der Familie und insbesondere von Elisabeth.
Maßgeblichen Anteil an der Vorbereitung des Turniers hatten neben dem Neuen Deutschland mit Geschäftsführer Olaf Koppe, auch Stefan Hansen von der Werbeagentur Dorland und Raj Tischbierek von der Zeitschrift SCHACH. Die Firma GiS-Reisen stellte Reisegutscheine zur Verfügung. Die Turniersiegerin sollte mit 1.000 € und die Zweite mit 750 € entlohnt werden.
 | | Frank Hoppe | | GM Raj Tischbierek startet gleich die Runde | |
Nach den Ansprachen von Wagner und Olaf Koppe bat Großmeister Raj Tischbierek die Damen zum Ziehen der Startnummern. Gaponenko zog die 1, Seps die 2, Pähtz die 3 und Melanie Ohme die 4. Entsprechend lauteten die Paarungen der ersten Runde Gaponenko - Ohme und Seps - Pähtz. Leider konnten die Zuschauer nur die zweite Partie live verfolgen, da die Datenübertragung vom Brett der anderen Partie streikte. Mit Beginn der zweiten Runde war das Problem dann behoben.
 | | Frank Hoppe | | ChessBase-Mitarbeiter beim Justieren der Übertragungstechnik | |
 | | Frank Hoppe | | Die Tafel mit den kalten Platten wurde ständig "nachgeladen" | |
Auf der gleichen Etage, gegenüber von der Lasker-Gesellschaft, standen Räume für ein Catering (neudeutsch für Essen und Trinken) und für die Übertragung der Partien samt Kommentierung durch Großmeister Thomas Pähtz zur Verfügung. Bei zahlreichen Platten mit belegten Broten, Hähnchenschenkeln und Obst und dazu Wasser, Wein, Bier und Kaffee durfte man etwas lauter werden und über das Geschehen an den beiden Brettern oder Gott und die Welt philosophieren. Immer gut besucht war auch der kleine Raum, in dem Thomas Pähtz bevorzugt die Partien seiner Tochter auseinandernahm.
 | | Frank Hoppe | | GM Thomas Pähtz | |
Pähtz hatte sich auf einem Laptop mit dem Account von Großmeisterkollege Raj Tischbierek auf dem ChessBase-Server eingeloggt und konnte so die von gegenüber übertragenden Partien mit Fritz 10 verfolgen. Mit einem Laserstift unterstrich er die Bedeutung der von ihm empfohlenen Varianten und gab Elisabeth "Empfehlungen": "... so mußte spielen !", "das wollen die Kiebitze sehen" oder "Eigentlich musse das sehen, sie ist ja 'ne Taktikerin". Nicht immer folgte Eli den "Vorschlägen" ihres Vaters - und das nicht erst seit diesem Turnier. Seitdem sie nahezu die Spielstärke des Vaters erreicht hat, sind seine Ideen ohnehin nicht mehr so gefragt. Als sie im Turmendspiel mit Melanie Ohme mehr oder weniger ideenlos hin- und herzog, sinnierte Thomas Pähtz über das Turmendspieltraining mit GM Karsten Müller: ... wohl doch umsonst Geld ausgegeben.
Das Eli das eigentlich remise Mehrbauern-Turmendspiel doch noch gewann, verdankte sie ihrer 16jährigen Gegnerin.
 | | Elisabeth hatte zuletzt den Bauern von f6 nach f5 gezogen und Melanie konnte mit Tf6 jetzt das Remis erzwingen. Später stellte Melanie auch noch ihren Bauern und damit die Partie ein. |
Diese Partie dauerte satte 111 Züge und Thomas Pähtz befürchtete schon ein Endlosspiel angesichts der immer wieder frischen Zeitgutschriften.
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| IM Elisabeth Pähtz | 2418 | SC Kreuzberg | x | ½ | 1 | 1 | 2,5 | | IM Inna Gaponenko | 2426 | Nickelhütte Aue | ½ | x | 1 | 1 | 2,5 | | WIM Monika Seps | 2185 | SV 1947 Walldorf | 0 | 0 | x | 1 | 1,0 | | Melanie Ohme | 2160 | SC Leipzig-Gohlis | 0 | 0 | 0 | x | 0,0 |
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In der Vorrunde war die Bedenkzeit 10 Minuten plus 5 Sekunden Inkrement je Zug, im Finale dann 20 Minuten plus 10 Sekunden je Zug.
 | | Frank Hoppe | | Journalistenmeute vor dem Analyseraum | |
In der ersten Finalpartie mit Inna Gaponenko hatte Elisabeth Pähtz eine Qualität mehr, vermochte es aber nicht, die Partie zu gewinnen. Richtig blaß wurde Thomas Pähtz, als seine Tochter ihren g-Bauern abtauschte und damit den Sieg verdarb. "Das hätte ich locker gewonnen" so Vater Pähtz nach dem Lapsus, den er im Anschluß nochmal analysierte.
 | | Frank Hoppe | | Analyseraum | |
Spielte Elisabeth schlecht war sein Kommentar "die Fans sind enttäuscht", wenn sie nochmal Glück hatte "die Fans können aufatmen". Kam sie in Zeitnot, machte er Druck - "mach mal 'nen paar Züge hintereinander".
 | | Frank Hoppe | | Inna Gaponenko - Elisabeth Pähtz | |
Im Finale setzte sich Elisabeth Pähtz 1½:½ gegen Inna Gaponenko durch. In der ersten Partie vermochte Elisabeth ein Endspiel K+T+L+2B gegen K+2L+2B nicht zu gewinnen, in der zweiten Partie stellte Inna in beiderseitiger Zeitnot die Dame ein.
Das Match um Platz 3 zwischen Monika Seps und Melanie Ohme endete 1:1.
Partien zum Nachspielen
Kommentierung durch Thomas Pähtz - MPEG (15 MB)
Neustart der zweiten Finalrunde - MPEG (35 MB)
 | | Frank Hoppe | | Inna Gaponenko - Monika Seps | |
 | | Frank Hoppe | | Inna Gaponenko - Melanie Ohme | |
 | | Frank Hoppe | | Melanie Ohme, Monika Seps, Elisabeth Pähtz, Inna Gaponenko und ND-Geschäftsführer Olaf Koppe | |
Turnierinformationen (ChessBase) - vom 2.11.2006
Interview mit Elisabeth Pähtz - vom 6.11.2006
Interview mit Inna Gaponenko - vom 12.11.2006
Spitzendamen im Viererduell - vom 16.11.2006
Bewertung
Autoreninfo Frank Hoppe, Jahrgang 1964, hat die Internetpräsenz des Berliner Schachverbandes Ende 1996 ins Leben gerufen und betreut diese seitdem alleinverantwortlich. Er war außerdem von 1996 bis 2010 DWZ-Referent des Berliner Schachverbandes und von 2003 bis 2009 Referent der Wertungszentrale des Deutschen Schachbundes. Seit 2007 ist er Webmaster des Deutschen Schachbundes und seit 2010 Redakteur des BSV-Mitteilungsblattes.
BSV © 05.04.2010
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