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Hallo Schachfreunde! Ab sofort bei TSG Oberschöneweide jeden 2. und 4. Freitag im Monat ab 19.00 Uhr Training mit FM Rosenthal bzw. FM Postler. Gäste sind herzlich willkommen.

  Schnellturnier bei der SG Narva am 17.04.2010

von Dirk Paulsen

Am 17.4.2010 sollte die vierte Auflage des SG Narva Schnellturniers stattfinden. Der Berichterstatter hat seine neue alte Liebe wieder entdeckt und entsprechend dem ausgebrochenen Enthusiasmus nachgehend unser aller neue (unverzichtbare und damit im Prinzip notgedrungene aber dennoch-) Liebe, dem Internet, den Suchbegriff "Schachturniere in und um Berlin" zum Auftrage gegeben. Heraus kam eine domaine, auf welcher sich angekündigte Schachturniere vorfanden, jedoch die Einschränkung "in und um Berlin" schlicht ignoriert wurde. Die Ergebnisse bezogen sich nämlich auf ganz Deutschland und man konnte sich sogar für ein Turnier in Bosnien anmelden! Nun gut, schaden hätte dies nur für die Fälle können, a) dass man bei der Vielzahl der Angebote die gesuchten aus Berlin gar nicht findet, oder b) dass man vor lauter Möglichkeiten sich einfach nicht entscheiden kann und deshalb zu Hause bleibt. Das Turnier bei der SG Narva war jedoch nur eines von zwei Möglichkeiten, die andere jedoch nicht mal in der Nähe von Berlin, so dass die Auswahl leicht fiel. Anmelden tut man sich heutzutage auch per Internet, jedoch gab es keine Bestätigung, was angesichts der angegebenen maximalen Teilnehmerzahl von 30 eine gewisse Unsicherheit hinterließ.

Da das Turnier um 11 Uhr beginnen sollte, bat der Ausrichter aus alter Erfahrung mit Schachspielern selbstverständlich für ein Erscheinen um 10:30 Uhr, was aber nur einer kaschierten Karenzzeit für eventuelle Zuspätkommer entsprach. Nachvollziehbar ist zwar, dass der Veranstalter für jeden Teilnehmer (unterhalb der Maximalzahl) dankbar wäre – ist doch sowohl Renommι als auch eingehendes Startgeld, dies aber nur abhängig von der Verteilroutine desselben, eine Triebfeder --, auf der anderen Seite ist es immer wieder ein leidiges Problem, dass die Zuverlässigen wiederholt zeitlich "zur Kasse gebeten" werden, während einige, deren Namen sich doch im Laufe der Zeit wiederholen, sich genüsslich noch ein letztes Mal nach dem Weckerklingeln im Bett umdrehen, um dann doch mit Kusshand aufgenommen zu werden, mit einer Art Kompliment, was den Zufrühkommern niemals zusteht: "Schön, dass du noch kommst!" Falls man aber das weiter denken würde und diese "virtuelle" Karenzzeit für jeden die gleiche Bewandtnis hätte, dann könnten alle derartigen Turniere immer erst eine halben Stunde nach der angekündigten Zeit beginnen. Ich würde einfach nur Jeden bitten, dies zu bedenken.

Um 11 Uhr war es bei diesem Turnier aber absolut pünktlich so weit. Es hatten sich 24 Teilnehmer eingefunden, bei deren Elo-Schnitt man für ein so, und vor allem in der Historie nachlesbar, kleines Turnier getrost von gehobenem Durchschnitt sprechen konnte. So hatten sich an der Spitze der BErikhterstatter selber hervorgetan (übrigens: pure Absicht!), auf den (Elo-)Verfolgerplätzen aber durchaus einige, so etwa Thomas Frübing, mit soliden 2247 (oder war es mehr?) einfand, aber auch die Spieler Werner Püschel, Franko Mahn, Robert Schmidt, Erik Allgaier oder der extra aus Magdeburg(!) angereiste Uwe Hoffmann konnten auf eine beachtliche Zahl – und für die weniger -engläubigen sei die Zahl - gerne durch Spielstärke zu ersetzen – verweisen.

Der rasch noch zur Überbrückung der Wartezeit eingenommene Kaffee mit dem Spritzkuchen brachte eine nette Bekanntschaft mit dem holländischen Schachfreund Derk Dekker ein, welcher aus Den Haag für zwei Monate aus beruflichen Gründen in Berlin weilte und ebenfalls für den Samstag eine spielerische Unterhaltung suchte. Dem FC Groningen-Fan konnte als Fußballexperte noch der Name "Bombarda" unter die Nase gerieben werden, welcher – Hand aufs Herz - nur wirklich eingefleischten freaks ein Begriff ist. Die Reaktion: "Den kennen Sie? Der macht immer ein Tor." Wie war noch die technische Anordnung von Steinen und Brettern? Irgendwie so: Stein im Brett?

Die erste Runde brachte dem Favoriten eine Auseinandersetzung mit Sven Mielke ein. Sven Mielke paarte ein paar Ungenauigkeiten, gestattete damit einen baldigen Springereinschlag auf g6, welcher, außer die Königsstellung zu ruinieren, auch noch zwei Bauern einbrachte, da der Springer zwangsläufig zurückerobert wurde. Als dann auch noch der Springer zugleich König und Dame angreifen konnte und auf dem Feld nur von einem den König schützenden Bauern auf illegale Art hätte entfernt werden können, kapitulierte der Außenseiter. Ein einfacher Sieg, der dem Unterlegenen doch sichtlich peinlich war, denn die gemachten Züge entsprachen nicht wirklich seinem Niveau.

Hier ein kurzer Einblick:

Paulsen – Mielke, Schwarz am Zuge

Aufgrund der Drohung g2-g4 sah sich Schwarz zu dem "Rettungszug" 1. ...g7-g6 veranlasst, welcher aber ebenso lehrreich an 2. Sxg6! scheiterte. Die Folge: 2. ... fxg6 3. Lxg6+ Kd8 4. Lxh5+-

An den anderen Brettern kam es nicht nur zu wesentlich heißer umkämpften Partien, sondern im Endresultat auch zu etlichen Außenseitererfolgen. So verlor Werner Püschel, aber auch Robert Schmidt konnte nur mit einigem Glück seinen Gegner zu einer Zugwiederholung – und damit dem nicht stellungsgemäßen Remis - "überreden". Auch Thomas Frübing konnte seinem in der Endphase absolut präzise spielenden Gegner gegen das Qualitätsplus nicht mehr entgegen setzen. Als sogar noch der verbliebene Läufer einem Turmschach zum Opfer fiel, blieb Thomas nichts als der die Aufgabe anzeigende Händedruck, jedoch sparte er im Anschluss auch absolut nicht mit Komplimenten für das fehlerfreie Spiel seines Gegners.

??? – T. Frübing, Runde 1 Narva Schnell. Weiß am Zuge.

Die Zeit war auf beiden Seiten bereits knapp. Sicher sollte das Qualitätsplus dem Weißen einen klaren Vorteil verschaffen, jedoch hat der Favorit hier sicher noch ausreichend gute Hoffnung, in der Zeitnotphase nicht unter die Räder zu kommen. Der Weiße fand aber hier a tempo den Zug 1. Sxh5+!, woraufhin 1. .... gxh5 2. Dxf5! geschah. Das Endspiel, in welches sich Schwarz mit 2. ...exf5 3. Txe7 einließ, war schon ziemlich hoffnungslos und wurde von Weiß souverän verwertet.

Derk Dekker wurde natürlich nach dem spannenden Vorgespräch genauer beobachtet und zeigte sich durchaus als versierter Spieler. Die Schlusskombination, die mit sehr knapper verbliebener Restzeit gesehen wurde und in der Auswirkung ein komplettes Turmplus einbrachte, vergällte seinem Gegenüber jegliche Weiterspielensfreude und jener warf das Handtuch.

Dekker - ???, Runde 1

Bei sehr knapper Bedenkzeit war gerade Te8+ gefunden worden. Da der Weißspieler offensichtlich mit 1. .. Kf5 rechnete, zuckte seine Hand bereits zum g-Bauern, um diesen für den Fall nach g4 zu schieben. Der Turmgewinn war erkannt, das war klar. Der Gegner spielte aber 1. ... Kd5, wonach 2. Td2+ Td4 3. Td8+ Td6 4. Txd4+ Kxd4 5. Txd6+ geschah, gefolgt von der schwarzen Kapitulation.

Die zweite Runde führte den Favoriten ausgerechnet mit der neu gewonnenen Bekanntschaft zusammen. Derk Dekker wählte gegen die Aljechin-Verteidigung eine Nebenvariante, welche aber durchaus ihre Meriten hat. Als die Partie drohte, in die von Dirk Paulsen gewünschte Richtung zu gehen – in rein positionelle Bahnen mit einem strukturellen Plus – entschied sich Derk für ein nicht völlig unerwartetes Bauernopfer, welches bedauerlicherweise die absolut perfekte Wahl war. Man möchte keinem Königsangriff ausgesetzt sein. Die dann erforderlichen präzisen Berechnungsmaßnahmen ergaben zwar, dass die Stellung wohl auch bei beiderseits bestem Spiel zu verteidigen wäre – so das Rechenergebnis – jedoch man durchaus noch einer Überraschung – sprich: einem Rechenfehler - ausgesetzt sein könnte. Derk stellte dann in relativ spontan gewonnener Euphorie eine Mattdrohung auf. übersah aber, dass die eine für das Matt sorgende Figur – der Springer auf g5 – mit Schach geschlagen werden konnte, so dass ihm nichts als die Aufgabe in der sonst so spannenden Partie blieb. Des Einen Leid – des Andern Freud.

Die meisten anderen Favoriten konnten diesmal ihrer Rolle gerecht werden – außer Robert Schmidt, der nach dem leicht schmeichelhaften Remis in Runde 1 diesmal sogar eine Niederlage einstecken musste, bei der er - nach eigenen Angaben - ziemlich übertrieben hat in der Suche nach einer aufregenden Partie.

In Runde 3 bekam es Dirk Paulsen an Brett 1 mit Dietmar Bunk zu tun. Ebenjener hatte offensichtlich in überzeugender Manier in der Runde zuvor Schachfreund Robert Schmidt besiegt. Seine Elo-Zahl von 1760 (ca.) mag zwar Anlass geben, ihn zu unterschätzen, jedoch spürte man am Brett sofort, dass er bereit war, seine Chance zu suchen und, falls sie käme, auch zu nutzen. Er spielte zwar eine Eröffnung, die man theoretisch als minderwertig bezeichnen könnte, jedoch machte er alle Züge so schnell und entschlossen, dass von dem Eindruck der Minderwertigkeit nur ein Zeitnachteil auf der Uhr des Favoriten übrig blieb. Fall ein Vorteil, so akademisch.

Dieses Verhalten erzeugte bereits einen gewissen Druck. Als DP sich dann mit 5 verbliebenen Minuten auf der Uhr – gegen deren 10 beim Gegner – für einen Weg entscheiden musste, wurde eine Variante gewählt, die zwar einen gefährliches Freibauernplus auf g7 verschaffte, jedoch zugleich dem Schwarzen einige Gegenchancen einräumte. Der Freibauer selber konnte sowohl taktisch sehr gefährlich werden, als auch ganz schnell wieder verloren gehen, wonach auf dem Brett sich nur noch ein wenig Pulverdampf verziehen müsste, bevor der Remisschluss besiegelt würde – falls der Außenseiter dann nicht auf seinen Zeitvorteil pochen würde. So kam es zu einem kleinen taktischen Geplänkel, welches in beiderseits höchster Anspannung durchgeführt wurde, bei dem sich ein Turm des Schwarzspielers in den Reihen des Weißen verirrte. Dieser konnte nur gegen einen Springer getauscht werden, wonach der weiße Stellungsvorteil außer Zweifel stand, der Zeitnachteil aber zu Buche schlagen könnte, da nur noch 2 Minuten geblieben waren. Dann fand DP folgende Schlusskombination, die ziemlich rasch alle Zweifel ausräumte, denn...

Paulsen – Bunk, Runde 3, Weiß am Zuge.

Mit zwei Minuten auf der Uhr und einiger aufgelaufener Nervosität kann auch hier noch ein Unglück passieren. Aber Weiß zog 1. Td6+! Txd6 2. Txc4+! Kxc4 3. g8D+ mit der weiteren Folge 3. ... Kc5 4. Dc8+ Kb6 5. Db8+ Kc5 6. Dxd6+! Kxd6 7. Kxd3 und nach 7.... Kc5 8. h4 sah Schwarz ein, dass auch eine Minute auf der Uhr zur technischen Verwertung ausreichen würde und gab auf.

Auch die anderen Favoriten machten Boden gut. So hatte Thomas Frübing die beiden nächsten Partien gewonnen, ebenso Werner Püschel, auch Franko Mahn arbeitete sich nach vorne, und Robert Schmidt konnte den ersten Sieg verbuchen. Uwe Hoffmann agierte ein wenig unscheinbar, aber sammelte auch tüchtig Punkte.

In Runde 4 kam Dirk Paulsen noch gegen Franko Mahn mit den schwarzen Steinen. Der vom Verfasser erstmal seit Urzeiten gewählte Dameninder deutete bereits allein mit seiner Wahl an, dass die Spielfreude endgültig zurückgekehrt ist. "Was spiele ich? Och, mal sehn, was mir grad einfällt!" Als dieser noch in einen Nimzoinder überging, der dem schwarzen eine Menge Spiel auf die statischen Schwächen einräumte, begannen die ersten Träume von einem Start-Ziel-Sieg. Franko aber hatte noch einiges entgegenzusetzen und es gelang ihm, im Zentrum für ein wenig Konfusion zu sorgen, so dass der Läufer zu einer guten Figur wurde. Das einzige Opfer was er dazu bringen musste war jede Menge gespendete Bedenkzeit. Als in der Diagrammstellung dann DP nach längerem Nachdenken auf der Suche nach einem einigermaßen gefahrlosen Sieg auf den Zug...

1. .. Sb7! verfiel, geschah weiter sofort 2. Td7, was mit 2. ... Td8! gekontert wurde. Nach dem Abtausch wäre der schwarze Vorteil nicht nur durch das riesige Bedenkzeitplus erdrückend. Frank verfiel auf 3. Td6?!, hatte aber nach 3. ... Sxd6 4. exd6 Dxa4 5. Le5 Dd7 weder Zeit noch Stellung und gab nach dem nächsten Zug a5 auf.

Das wahre Drama spielte sich aber am Nebenbrett ab. Denn Dietmar Bunk war weiterhin vorne dabei und hatte es mit Uwe Hoffmann zu tun. Uwe spielte schnell und sorglos, und, mit seinen eigenen Worten nach der Partie, einfach schlecht. Dietmar Bunk hielt das Ziehtempo mit, machte aber die etwas besseren Züge, als er beispielsweise in dieser Stellung hier:

den Zug 1. Db3+ fand. Uwe zog, der Not gehorchend, 1. ... d5, aber Herr Bunk hatte darauf relativ schnell 2. exd5! gefunden. Nach 2. ...hxg5 3. dxc6+ Kh8?! (dieser Zug bekommt noch eine Bedeutung, denn auch der Berichterstatter hatte am Nebenbrett mal wieder die philosophische Überlegung, wo der König nun hingehörte, entschied sich aber im Geiste und intuitiv für h7 als das "richtige" Feld) 4. cxb7 Lxb7 5. Dxb7 und Weiß bekommt das Material in ausreichender Form zurück, mit klarem Vorteil. Ein paar Züge später aber stand folgende Stellung auf dem Brett:

und hier spielte Uwe Hoffmann zunächst mit voller Überzeugung den Zug 1.... Ld4+, die Hand begann aber, kurz vor dem Absetzen des Läufers, merklich zu zittern. Es müssen Zehntelsekunden gewesen sein, die in seinem Kopf die intuitiven Gedanken herunterrattern ließen, die in etwa ausformuliert so geheißen hätten: "Mist, der Läufer auf d4 steht mit Schach ein. Aber wenn ich jetzt erkennen lasse, dass es ein Schach wäre, dann würde es der Gegner merken. Wenn er es bemerkt aufgrund dessen, dann müsste ich einen anderen Zug machen, wenn ich einen anderen Zug mache verliere ich nach Damentausch sowieso. Also tue ich so, als ob Ld4+ der geplante, der richtige und der Gewinnzug wäre. Hier, nimm das!"

Dietmar Bunk dachte nun recht aufgeregt aber angestrengt nach, auf welche Art nun das Matt abzuwenden wäre. Man spürte am Nebentisch, dass er den offensichtlichsten aller Züge einfach nicht in Betracht zog. Die Minute verstrich und seine Aufmerksamkeit wollte sich einfach nicht auf den Zug 2. Dxd4+ 1:0 richten. Nachdem alle Züge durch waren (Df2?, Tf2?) und die Sinnlosigkeit dieser Versuche eingesehen wurde, während Uwe Hoffmann mühsam jegliche Körperregungen unterdrückte, reichte Dietmar Bunk ihm die Hand... 0:1???

Etwas später kam Robert Schmidt zum Chronisten und befragte diesen, ob es eine Stellung geben könne, in welcher beide Parteien gleichzeitig aufgeben wollten? Dirk Paulsen überlegte und gab verwirrende Antworten. Robert hatte das natürlich auf das Geschehen an Brett 2 in Runde 4 bezogen, was ihm irgendwie in dieser Form berichtet wurde: "Stell dir mal vor, da war eben eine Stellung, in der beide Parteien aufgeben wollte..." Uwe gestand hinterher, dass er nach 2. Dxd4+! sofort aufgegeben hätte. Dietmar Bunk aber nahm ihm das vorweg... beinahe tragisch! Aber auch das ist eine subjektive Einschätzung...

In Runde 5 nun hatte Dirk Paulsen den letzten Ansturm abzuwehren. Der durch den kuriosen Sieg erste Verfolger Uwe Hoffmann hatte aber mit den schwarzen Steinen eher Mühe in der Eröffnung. Abgesehen davon, dass er nach dem vorherigen Sieg sowieso versöhnlich gestimmt war. Er verteidigte sich also recht geschickt, und als er sogar drohte, in Vorteil zu geraten, versuchte er es mit einem Remisangebot. Angesichts der Turnier- und Brettposition war die Ablehnung schon eine Dreistigkeit, die sich noch dazu mit einem Rechenfehler paarte.

Die Ablehnung des Remisangebots war erfolgt mit dem Zug 1. Tdb1? Falls Weiß unbedingt weiter spielen wollte, so hätte 1. Sd2 erfolgen müssen. In der Diagrammstellung erfolgte nun das erwartete 1. ... La2, wonach 2. Tb4 geplant war. Nach dem Gegenzug 2. ... Lc3 sollte der Turm nach f4 gezogen werden, jedoch wäre die Stellung dann nach 3. ... d2 quasi aufgabereif. Das geplante 3. Ld4 dann scheitert offensichtlich an Abtausch auf d4 gefolgt von entweder g5 (wenn der Springer schlägt) oder von weiterem Abtausch nebst Tad8! mit Gewinn (wenn der Turm schlägt). So musste nach 1. ...La2 2. Ta1 gespielt werden. Nach 2. ... Lxa1 3. Txa1 d2! 4. Td1 Lb3 5. Txd2 Txd2 6. Sxd2 Lxa4 konnte Weiß aber wie durch ein Wunder das Remis retten mit 7. b6! axb6 8. Lxb6 und sowohl Tab-b8 bringt nichts, da b1 gedeckt ist, als auch das gespielte 8. ... Tc8 9. f3 Tc2 10. Le3! ergab diese Festung,

in welcher Uwe Hoffmann direkt 1. ... Txd2? spielte mit Remisangebot. Jedoch ist der Eindruck hier, dass es Schwarz wirklich sehr schwer hätte. Fortschritte zu erzielen. Die weißen Bauern sind zuverlässig verteidigt und der schwarze König hätte eine sehr lange Reise vor sich, praktisch ohne Einbruchsfelder. Wenn es ihm aber jemals gelänge, wirklich nach c3 zu kommen, so hätte Weiß auch dann am entblößten Königsflügel seine Gegenmöglichkeiten, indem er den König vorspielt. g7-g5 wird natürlich durch h2-h4 verhindert, gegebenenfalls mit h4-h5 unterstützt, sofern der Deckungszug g2-g4 dann möglich wäre. Es handelt sich wohl wirklich um eine Remisstellung. Wie gesagt, Uwe war auch versöhnlich gestimmt nach dem so kurios erzielten Punkt in der Runde davor.

In Runde 6 kam es dann zur Paarung Thomas Frübing – Dirk Paulsen, die, wie man doch annehmen darf, früher oder später sowieso mal anstand. Wenn, dann könnte man hier von einer Partie mit vorentscheidendem Charakter sprechen. Dirk Paulsen hatte die schwarzen Steine, und die Aljechin-Verteidigung ging alsbald in einen Franzosen über, was der Weiße mit 2. Sc3 in die Wege leiten kann. Jedoch war die Ausführung dieses Franzosen in die Kategorie "absolut wünschenswert" - aber nur für Schwarz - einzuordnen. Jedoch spielte Thomas dann recht stark, so dass nicht ohne weiteres ein Gewinnplan zu erkennen war. In dieser Stellung hier aber, war es der Weiße, der für einiges Spektakel sorgte:

Frübing – Paulsen, Runde 4, Weiß am Zuge.

Die Stellung ist sicher nicht schlechter für Schwarz. Originell die Damenstellung auf h8, aber nicht schlecht. Der schwarze Plan dürfte in Lc8-b7-c6, oder auch, gegebenenfalls in d5-d4 bestehen, mit möglicher Abtauschdrohung auf f3. Weiß hat aber den wichtigen Punkt e5 solide überdeckt, könnte gar noch Lf4 nachlegen, und hat sonst höchstens das Problem mit dem Springer a4.
Er spielte aber hier 1. Lxh4, was die Partie unmittelbar in taktische Bahnen lenkte. Nach 1. ... Sxe5 2. Txe5?! Lxe5 3. Txe5?! Txe5 hatte er zunächst zwei Qualitäten geopfert, jedoch eventuell seine Hoffnungen auf das nun folgende 4. Lg3 gesetzt, was ziemlich viele Türme ins Visier nimmt. Der Antwortzug war 4. .. Te4, was zunächst einen Turm rettete, jedoch nach 5. Dg5 nimmt der Weiße ziemlich gefährlich die schwarzen Felder unter Kontrolle und eine Drohung wie Lf4-d6 taucht zusätzlich auf, so dass sich schon mal die eine oder andere Schweißperle bilden kann. Dirk Paulsen hatte aber temporär seine Rechenpräzision wieder gefunden und spielte das wohlüberlegte 5. ... Tb5, was sowohl den Turm rettet, als auch dem Springer den Einstieg über c5 verwehrt.

Sicher führte Weiß den Zug 6. Ld6 noch in einiger Euphorie aus, erkannte aber wohl nach dem nun erzwungenen, aber berechneten, 6. ... f6 7. Dxg6 Kd7, dass der Angriff sich wieder zu verflüchtigen droht. Nun hängen mehrere Figuren und es ist kein gutes Schach in Sicht. So geschah in der Verzweiflung noch 8. Lxc5 Txa4! wonach das Plus auf einen Turm + Qualität angewachsen ist. Nach dem folgenden 9. b4 wurde freudestrahlend die Qualität zurückgegeben mit 9. ... Txc5, um dem Angriff die letzte Brisanz zu nehmen. Die Schlusskombination war aber trotz des Materialvorteils sehenswert:

Schwarz am Zuge

1. ... d4! 2. Sxd4 Te1+ 3. Kh2 De5+ 4. Dg3 (oder 4. f4 Dxf4+ 5. Dg3 Th1+!, oder 4. g3 Th1#) 4. ... Dxd4 0:1

Uwe Hoffmann hatte übrigens am 2. Brett in der 6. Runde ein weiteres Mal neben Caissa noch Fortuna im Bunde. Gegen Franko Mahn lag er bereits mit zwei soliden Bauern im Hintertreffen, als er in dieser Stellung hier:

dem Schwarzen bei beiderseits knapper Zeit quasi das Remis anbot durch die Zugwiederholung 1. Sd5 De6 2. Sc7. Franko wollte aber mehr und spielte nach 2. Sd5-c7 De5? Uwe reagiert mit 3. Td5 und Franko spielte daraufhin 3. ... Dc3. Nun war die Figur weg nach 4. Txc5 dxc5 5. Dxd7, aber die beiden Freibauern versprechen Schwarz eine sehr gute Kompensation. Kurze Zeit später aber stellt er noch f7 mit Schach ein, woraufhin sogar der Springer nach f6 gelangte und das Matt unabwendbar wurde.

Interessant aber noch, was nach 3. Td5 hätte folgen können: Nämlich 3. ... De7 4. Se8+ Kh7 5. Txc5 dxc5 6. Dxd7 Dxd7 7. Sf6+ Kg7 8. Sxd7. Weiß hätte zwar mit dieser Traumkombination eine Figur erobern können, aber sofort danach nach 8. ... b3 auch die Segel streichen...

Der Schluss der Partie Hoffmann - Mahn: 5. ... b3 6. Se8+ Kh7?? (sowohl Kf8 als auch Kg8 bieten noch gute Chancen) 7. Dxf7+ Kh8 8. Sf6 1:0.

In der Schlussrunde hatte sich auch Robert Schmidt noch so weit vorgearbeitet, dass er dem Berichterstatter noch bis an Brett 1 folgen konnte. Als Uwe Hoffmann an Brett 2 seinem Gegner ohne Spiel Remis anbot – welches jener annahm -, konnte Dirk Paulsen sich bereits mit einem Remis zum alleiniges Sieg spielen. Aber wer ihn kennt weiß, dass die Wortkombination "ich biete Remis" in seinem Sprachschatz kaum zu finden ist. Die Partie wurde auf Sieg angelegt, der Eröffnungsvorteil recht bald realisiert, so dass überzeugende 6.5/7 da stehen.

Uwe Hoffmann hat sich mit dem Schlussremis den zweiten Platz gesichert. Über seine Leistungen ist bereits genug gesagt. Wie bemerkte doch in diesem Zusammenhang Dr. Siegbert Tarrasch? "Man kann im Schach Glück haben – aber kein Pech!" Der dritte Platz ging natürlich letztendlich verdient an Thomas Frübing.

So klang ein wirklich hübsches kleines Turnier aus mit der Siegerehrung, bei welcher zur Überraschung einiger Preisträger keine Geldpreise ausgeteilt wurden. Nun gut, der Galeria Kaufhof Gutschein ist ja vielleicht noch vertretbar, aber eine Gesamthöhe dessen von 10 Euro bedeutet, dass man vermutlich schon etwas höhere Spesen für An- und Rückfahrt in Kauf nehmen muss, um ihn einzulösen. Immerhin fand sich auch hierfür ein Abnehmer: Der nach eigenen Worten ziemlich überarbeitete Softwareentwickler Dietmar Bunk gab dem Berichterstatter die 10 Euro mit der Bemerkung: "Ach, wird schon irgendwann mal ein Chef Geburtstag haben, dem man diesen dann als Geschenk überreichen könnte." Zumal die Gültigkeit des Zettels vermutlich die Haltbarkeit des bedruckten Papiers weit überstieg: November 2014!

BSV © 21.04.2010

Kommentare

Horacio:
Die Anmerkung von chessinho ist absolut richtig. Die Zeit war beiderseits extrem knapp, ich konnte die Uhr allerdings nicht einsehen, man merkte es nur daran, wie die Züge ausgeführt wurden. Franko muss noch etwas knapper gewesen sein, insofern verwundert die Ablehnung des indirekten Remisangebots. Aus Uwe Hoffmanns Sicht ist es aber einerseits verständlich, andererseits auch gerne der Kategorie "Fair-Play" zuzuordnen.
Bedauerlicherweise habe ich nämlich ein Fragment aus einer anderen Partie nicht aufgenommen, in welcher Derk Dekker gegen Thomas Frübing ein Qualitäts- und Bauernplus hatte, bei verbliebenen zwei Türmen gegen Turm plus Läufer, und Thomas Frbing das Remisangebot ablehnte, wegen der wenigen Restbedenkzeit des Gegners, Ich machte Derk Dekker nach der (auf Zeit verlorenen) Partie darauf aufmerksam, dass er mehrmals mit dem Turm den Läufer hätte schlagen können, mit nachfolgendem Abtausch sämtlicher Damenflügelbauern, wonach ein reines Turmendspiel entstanden wäre mit Turm + h + g Bauern gegen Turm + h + g Bauern ohne Schwächen. Dann hätte Thomas sicher nach maximal ein, zwei Zügen das Remis akzeptiert (oder es müssen).
So etwas hatte Uwe Hoffmann in der Partie gegen Franko Mahn vermeiden wollen.

(20.04.2010, 12:53 Uhr)

chessinho:
betr. Hoffmann-Mahn
.....
Interessant aber noch, was nach 3. Td5 hätte folgen können: Nämlich 3. ... De7 4. Se8+ Kh7 5. Txc5 dxc5 6. Dxd7 Dxd7 7. Sf6+ Kg7 8. Sxd7. Weiß hätte zwar mit dieser Traumkombination eine Figur erobern können, aber sofort danach nach 8. ... b3 auch die Segel streichen...

Ich dachte Schwarz wollte mehr?!
Da bietet sich doch das schnöde 3. ... Txc7 bzw. 3. ...De1+ 4. Kg2 Txc7 nebst De4+ und Dxd5 an.

Schach kann ja so schön einfach sein!

(19.04.2010, 11:59 Uhr)

Horacio:
Ja, den Bauern auf h2 gab es in der Partie gegen Bunk, der ist im Diagramm vergessen. Ansonsten hat Frank Hoppe so ziemlich ganze Arbeit geleistet. Das einzige Problem ist immer, dass es keine wirkliche "Masterversion" gibt. Er ändert ein paar Passagen, ich entdecke Fehler oder Ergänzungen und korrigiere. Wenn ich dann aber die erneuerte Version schicke, so hat er die Aufgabe, zu prüfen, welche seiner Änderungen und gefundenen Fehler schon korrigiert sind, welche nach wie vor drin sind, die aber schon korrigiert waren, und welche Passage ich komplett hinzugefügt oder abgeändert habe. Selbst die Farbmarkierungen sind nicht ausreichend, um all dies zu umgehen.
Dirk Paulsen

(18.04.2010, 15:12 Uhr)

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