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  Vier Berliner Siege in Ströbeck!

von Dagobert Kohlmeyer

29. Mai 2010

Schachverein Ströbeck

Dagobert Kohlmeyer
Die Schule

Das diesjährige Schachfest in Ströbeck lockte 51 Teams aus Deutschland, den Niederlanden und Ungarn an. Für den Berichterstatter war es eine Premiere, noch nie hatte ich das legendäre Dorf westlich von Halberstadt besucht. Es war eine große Freude für mich, am vergangenen Wochenende gemeinsam mit langjährigen Berliner Schachfreunden nach Ströbeck zu fahren. Keiner von uns ahnte bei der Anreise, wie erfolgreich dieser Trip für die Teams aus der Hauptstadt sein würde. Wir nahmen Quartier im Nachbarort Derenburg und sahen uns nach dem Abendessen schon mal in Ströbeck um. Das Dorf mit weniger als 1.200 Einwohnern war herausgeputzt, an vielen Häusern leuchteten Schachsymbole.

Dagobert Kohlmeyer
Rudi Krosch

Seit fast 20 Jahren trägt der Ort die offizielle Bezeichnung "Schachdorf Ströbeck". 1991 gab es einen Bürgerentscheid, der sich mit 99,5 Prozent dafür aussprach. "Ein überwältigendes Bekenntnis der Leute zum königlichen Spiel", sagt Rudi Krosch, der langjährige Bürgermeister. Wir trafen ihn im Schachladen, wo seine Frau Renate an diesem Wochenende unzählige Kunden hat. Seit Beginn des Jahres gehört Ströbeck zu Halberstadt, es wurde eingemeindet, erzählte uns das Ehepaar. Das Schachmuseum kann jetzt auf mehr Unterstützung von "nebenan" hoffen. "Wir Ströbecker wollen in die UNESCO-Liste des immateriellen Weltkulturerbes", sagt Rudi Krosch. Es kann erfahrungsgemäß aber sehr lange dauern, ehe so ein Antrag bearbeitet und befürwortet wird.

Das Schachspiel kam vor fast 1000 Jahren nach Ströbeck. Die Legende sagt, dass Graf Guncelin im Jahre 1011 vom Halberstädter Bischof in das kleine Dorf verbannt wurde. Als Gefangener in einem Turm lehrte er seine Wächter und die Bauern das Schachspiel. Diese gaben ihr Wissen an die Kinder und Enkel weiter, darum lebt das Spiel in Ströbeck bis zum heutigen Tag.

Dagobert Kohlmeyer
Lebendschach in Ströbeck

Dagobert Kohlmeyer
Tanzeinlage

Beim Rundgang durch den berühmten Ort fallen die vielen liebevoll restaurierten Fachwerkhäuser ins Auge. Es gibt einen "Gasthof zum Schachspiel" sowie den "Platz zum Schachspiel". Dort wurden zum Schachfest auch zwei Lebendschach-Partien gespielt. Die Kostüme der Darsteller sind sehenswert und werden sorgsam gehütet. Viele Kinder beginnen ihre Karriere als kleiner Bauer und wachsen dann in die Rolle der Figuren bzw. von Dame und König hinein.

In der Mittagspause des Turniers war Zeit zu einem Besuch im restaurierten Schachmuseum, in dem kostbare Schätze, darunter Schachspiele aus aller Welt, zu sehen sind und wo es sogar ein Trauzimmer gibt. Im Medienraum kann man sich einen Film über Ströbeck und seine Geschichte ansehen. Das Schachdorf ist weltweit der einzige Ort, der ein solches Museum besitzt.

Das Ströbecker Turnier feierte seinen 50. Jahrestag. Es wurde 1960 anlässlich der Schacholympiade in Leipzig als "Kleine Schacholympiade" ins Leben gerufen. Beim ersten Mal nahmen sechs Mannschaften teil, und zwar aus den Vereinen Einheit Halberstadt, Schachverein Ströbeck, Motor Osterwieck, Traktor Derenburg, Empor Hessen, Traktor Badersleben.

Die Anzahl der Teams vergrößerte sich von Jahr zu Jahr. Nur dreimal fiel das Turnier in dem halben Jahrhundert aus. Insbesondere nach der Wiedervereinigung Deutschlands nahm die Teilnehmerzahl sprunghaft zu, der Kreis erweiterte sich mit Mannschaften aus den alten Bundesländern und dem Ausland. Aus dem ostdeutschen Turnier wurde ein gesamtdeutsches mit internationaler Beteiligung. Längst gibt es Stammgäste, auch aus dem Ausland. So kommen jedes Jahr Spieler aus Wijk aan Zee (Holland) oder Balatonfüred in Ungarn.

Dagobert Kohlmeyer
Team aus Appeldoorn

Inzwischen erhalten jedes Jahr etwa 50 Teams eine Einladung. Mehr lassen die Ströbecker Raumkapazitäten nicht zu. Das Turnier hat sich zu einem bedeutenden Ereignis entwickelt, weil zum gleichen Zeitpunkt auch ein dreitägiges Volks-und Heimatfest gefeiert wird. Wie das Schachspielen mit lebenden Figuren und der Schachunterricht in der Lasker-Schule zählt auch das Maiturnier zu den tragenden Säulen der Ströbecker Schachtradition. Der neue Ortsbürgermeister Jens Müller hatte an diesen Tagen viele Termine. So begrüßte er die fast 250 Teilnehmer des Maiturniers, zeichnete die Sieger der Kinder- und Jugendturniere aus und eröffnete die Lebendschach-Partien.

Der Spielmodus des beliebten Turniers ist seit Jahr und Tag derselbe. Die Teilnahme erfolgt auf Einladung durch den Vorstand des Schachvereins Ströbeck. Jedes Team besteht aus vier Spielern. Gespielt wird in vier Leistungsgruppen, wobei in der A-Gruppe die stärksten Mannschaften vertreten sind. Jedes Team spielt ein Match gegen die übrigen Mannschaften. Die Bedenkzeit beträgt 10 Minuten pro Spieler und Partie. Gewertet wird nach Mannschafts- und Brettpunkten. Das Siegerteam der Gruppe A erhält den Wanderpokal des Schachdorfes Ströbeck. Dieser bleibt im Besitz einer Mannschaft, die in drei aufeinanderfolgenden Jahren bzw. fünfmal in unterbrochener Reihenfolge den Sieg errungen hat. Die drei Erstplatzierten jeder Gruppe erhalten eine Urkunde. Besonderheit und Anreiz für die teilnehmenden Mannschaften bestehen darin, dass die Erstplatzierten (zwei bis drei Mannschaften) der Gruppen B, C und D beim folgenden Turnier in die nächste Leistungsgruppe aufsteigen, während die Letztplatzierten der Gruppen A, B und C absteigen.

Dagobert Kohlmeyer
Sieger A-Gruppe: Team Berlin-Friedrichshain

Dagobert Kohlmeyer
Sieger B-Gruppe: Team Berlin-Giesensdorf I

Dagobert Kohlmeyer
Sieger Gruppe C: Team Nichtraucher SC Berlin

Dagobert Kohlmeyer
Sieger Gruppe D: Team Berlin-Giesensdorf II

In diesem Jahr passierte etwas Unglaubliches. In allen vier Gruppen gewannen Mannschaften aus Berlin! Das gab es zuvor noch nie und wird sicher nicht so schnell wieder vorkommen. Sieger in der A-Gruppe wurde das Team von Berlin-Friedrichshain (SC Zugzwang) in der Besetzung Peter Hintze, August Hohn, Jürgen Wilhelm und Wolfgang zum Winkel. In der B-Gruppe dominierte Berlin-Giesensdorf I, in der C-Gruppe der Nichtraucher SC Berlin-Lichterfelde und in der D-Gruppe Berlin-Giesensdorf II. Giesensdorf ist ein Teil von Zehlendorf im Süden der Hauptstadt, wo Schachorganisator Detlef Getzuhn wohnt. Detlef nimmt seit 1990 (!) nonstop am Ströbecker Turnier teil, was ein denkwürdiger Rekord ist. Bei der Zusammenstellung "seiner" beiden Teams bewies er ein glückliches Händchen. Der Berichterstatter selbst war in der Mannschaft von Berlin-Giesensdorf II. Er kam bei seiner Premiere in Ströbeck ungeschoren über alle Runden und damit in den Genuss eines Viertels der Siegertorte. Auch das gehört zu den Ströbecker Traditionen: Jedes Gewinnerteam erhält eine Marzipan-Torte mit Schachmotiven.

Dagobert Kohlmeyer
Jens Müller und Schachsieger

Da die Guncelin-Legende aus dem Jahre 1010 stammt, gibt es also nächstes Jahr in Ströbeck eine 1000-Jahr-Feier. Die Organisatoren um Reinhold Gädecke beginnen schon jetzt mit der Vorbereitung des großen Schachfestes. Wo sonst kann man wie in Ströbeck auf ein Jahrtausend Schachtradition zurückblicken? "Das soll richtig gefeiert werden wie 2006 zum Treffen der Europa-Dörfer", kündigte der Ortsbürgermeister Jens Müller an. Dafür werden nun fleißig Ideen gesammelt. Vertreter der Vereine und andere Interessenten trafen sich bereits am Montag zu einer ersten Beratung.

A-Gruppe

Pl.MannschaftBPMP
1.Berlin Friedrichshain I33.519
2.Oschersleben I31.017
3.Balatonfüred I / Ungarn31.017
4.Dresden-Leuben I30.014
5.Salzgitter I29.516
6.Braunschweig BSF29.016
7.Wolfenbüttel I29.013
8.Klostermannsfeld I28.014
9.Salzgitter II27.515
10.Amersfoort / Niederlande26.512
11.Berlin Oberschöneweide23.511
12.Bad Harzburg I23.59
13.Ströbeck I22.09

B-Gruppe

Pl.MannschaftBPMP
1.Berlin Giesensdorf I38.523
2.Siebenlehn38.521
3.Quedlinburg I35.519
4.Blankenburg32.520
5.Berlin Rochade31.516
6.Halle - WSG I29.015
7.Papenburg I25.515
8.Klostermannfeld II25.014
9.Berlin Friedrichshain II23.510
10.Ottersleben22.010
11.Wolfenbüttel II19.08
12.Halle Neustadt15.53
13.Harzgerode I15.05
14.Löbau I13.03

C-Gruppe

Pl.MannschaftBPMP
1.Berlin Nichtraucher32.519
2.Rübeland I29.517
3.Löbau II28.015
4.Oschersleben II25.512
5.Balatonfüred II / Ungarn24.514
6.Braunschweig Senioren22.511
7.Salzgitter Senioren21.09
8.Heringsdorf20.012
9.Dresden - Leuben II18.510
10.Ballenstedt14.57
11.Ströbeck II14.54
12.Goslar13.02

D-Gruppe

Pl.MannschaftBPMP
1.Berlin Giesensdorf II35.022
2.Bad Harzburg II28.016
3.Quedlinburg II28.015
4.Elbingerode25.513
5.Braunschweig Senioren II25.513
6.Halle - WSG II25.512
7.Papenburg II20.58
8.Vriezenveen19.59
9.Harzgerode II17.07
10.Wijk aan Zee / Niederlande14.06
11.Nordhausen13.06
12.Derenburg12.55

Dagobert Kohlmeyer
Ein Dorf atmet Schach

Dagobert Kohlmeyer
Ortsschild

Dagobert Kohlmeyer
Renate Krosch

Dagobert Kohlmeyer
Schachmuseum

Dagobert Kohlmeyer
Schachspiele aus aller Welt

Dagobert Kohlmeyer
Ulrich Fitzke, Detlef Getzuhn

Dagobert Kohlmeyer
Wegweiser in Ströbeck

Dagobert Kohlmeyer
Wetterfahne von 1877

BSV © 02.06.2010

Kommentare

bodo159:
Hallo Dago, wieder prima gemacht und Gratulation zum Preis.
(07.06.2010, 13:44 Uhr)

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