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  HWT: Der Kleinste war der Größte

von Dagobert Kohlmeyer

Das diesjährige Winterturnier beim SC Eintracht machte seinem Namen alle Ehre. Trotz Eis und Schnee fanden am vergangenen Wochenende 78 Teilnehmer den Weg nach Marzahn-Hellersdorf. Während es draußen stürmte und schneite, rauchten drinnen die Köpfe.
Und es gab wieder einen neuen Sieger. Nach fünf Runden im Schweizer System gewann Walter Schatz (TSG Neuruppin), der als Einziger 4,5 Punkte erzielte. In der Schlussrunde besiegte der 1.60-Meter-Mann den bis dahin führenden Martin Gebigke (SV Berolina), so dass dieser noch auf Rang 5 zurückfiel. Es war beeindruckend, wie Schatz seinen um zwei Köpfe größeren Gegner strategisch überspielte. Mit Weiß hatte er die Katalanische Eröffnung gewählt und im Partieverlauf den Damenflügel seines Kontrahenten lahmgelegt. Alle Befreiungsversuche von Schwarz halfen nichts. Sein Läufer verirrte sich, er ging verloren, und kurz darauf war das Spiel zu Ende.

Dagobert Kohlmeyer
Sieger Walter Schatz  

Der Turniersieger Walter Schatz wurde in Salawat, einer Stadt in Baschkirien, geboren. Als Russland-Deutscher kam er 2004 vom Süd-Ural nach Deutschland, wo er in Neuruppin eine neue Heimat fand. Dort arbeitet er als Schachlehrer und spielt in der Landesliga. Walter hat in Moskau Sport im Spezialfach Schach studiert. Zu seinem Jahrgang gehörten solche Koryphäen wie die WM-Kandidaten Andrej Sokolow oder Jewgeni Barejew, er hörte Lektionen beim Weltklassetrainer Mark Dworezki. Wenn man das alles weiß, verwundert es nicht, dass der kleine Mann das Feld beim Hellersdorfer Winterturnier souverän beherrschte. Walter Schatz war so freundlich, die entscheidende Partie gleich nach Turnierende für uns zu kommentieren.

Dagobert Kohlmeyer
Martin Gebigke  

W. Schatz – M. Gebigke
Katalanisch E05
Hellersdorfer Winterturnier (5), 10.01.2010
[Anmerkungen: Walter Schatz]

Die Partie wurde in der letzten Runde gespielt und hatte turnierentscheidende Bedeutung. Meinem Gegner, der bis dahin 4 aus 4 erzielte, hätte ein Remis zum Gesamtsieg genügt. Ich lag einen halben Punkt zurück und musste gewinnen.

1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.g3 d5 4.Sf3 Le7 5.Lg2 0–0 6.0–0 dxc4 7.Dc2 a6 8.a4 Sc6
Die Hauptvariante lautet 8...Ld7 9.Dxc4 Lc6 10.Lg5 usw. 9.Dxc4 Ld7?! [¹9...Dd5] 10.Lg5 [10.Ld2!?² war eine gute Alternative. Der Zug 10.Sc3 gefiel mir nicht wegen des möglichen Abspiels 10...b5!? 11.axb5 axb5 12.Txa8 bxc4 13.Txd8 Txd8², und es bleiben nur noch wenige Figuren auf dem Brett, um zu gewinnen.
10...Tb8 Die Grundidee dieser Variante besteht darin, sich mit Hilfe der Vorstöße b7-b5, c7-c5 zu befreien. Wenn es Weiß gelingt, dieses strategische Vorhaben von Schwarz zu verhindern, dann steht er einfach besser.
11.a5 h6 12.Ld2 Sa7 13.Sc3 Sb5 14.Sa4?! [Nicht so gut. Besser war 14.Se5!? Sxc3 (14...Le8 15.Le3) 15.Dxc3 Lb5 16.Tfe1 Sd5 17.Db3²]
14...Lc6! 15.e3 Ld5 16.Dc1 Se4 Weiß muss jetzt eine leichte Aktivität der schwarzen Figuren aushalten. Kann er diese eindämmen, dann würde der Anziehende über die strategisch bessere Stellung verfügen. So aber haben wir als Folge meines ungenauen 14. Zuges ein dynamisches Gleichgewicht auf dem Brett.
17.Dc2 Tc8 18.b4 b6 19.Le1
Das ist vielleicht nicht der beste Zug, aber ich will so viele Figuren wie möglich behalten, zumal bei meinem Gegner die Zeitnot beginnt.
19...Sf6 [Oder 19...bxa5 20.Se5 (20.Sc5 axb4 21.Sxe4 Sa3÷) 20...Sf6 21.Sc5 Lxg2 22.Kxg2 Dd5+ 23.f3 Ld6 24.Scd3 axb4 25.Lxb4© mit sehr unangenehmer Initiative für Schwarz.] 20.Se5 Lxg2 21.Kxg2 Dd5+ 22.Kg1 [22.f3!?] 22...Ld6 23.Sc6 Df3?! [23...Se4!? 24.f3 Sec3! 25.Sa7÷] 24.Tc1 h5?! Die Zeitnot beginnt sich auszuwirken.
Besser geschah 24...Sd5. 25.Dd1 Dxd1 26.Txd1±
Ohne Damen auf dem Brett wirken sich alle Stärken der weißen Stellung aus: ein starker Springer auf c6, ein festes Zentrum, die halboffene c-Linie und die schwachen Bauern a6 und c7 von Schwarz.
26...bxa5 27.bxa5 Tfe8 28.Sc3
[Natürlich ist 28.Tc1 besser, aber auch meine Zeit wurde knapp. Deshalb wollte ich jetzt gern ein paar Figuren tauschen und einfach gegen die schwachen Bauern des Gegners spielen. Das Problem der Position bestand darin, dass trotz der Eroberung der Bauern a6 und c7 der eigene auf a5 nicht gegeben werden darf. Dies hätte den Gewinn erschwert.] 28...Sxc3 29.Lxc3 Sd5 30.Ld2 Se7 31.Tc1 Kf8 32.e4 La3 33.Tc4 Sxc6 34.Txc6 Ted8 35.Le3 Td6 36.Tc4

36...Ke8??
Der letzte Zug vor der Zeitkontrolle erweist sich als grober Fehler. 37.Ta1 Lb2 38.Tb1 Tb8 39.Tc2 Tb5 40.Tbxb2 1–0

Partie nachspielen

Dagobert Kohlmeyer
Jirawat Wierzbicki  

Dagobert Kohlmeyer
Horst Nietsch und Moritz Greßmann  

Auch die Amateure vom Ältesten, dem 78-jährigen Horst Strehlow, bis zum Jüngsten, dem 7-jährigen Jirawat Wierzbicki, zeigten beim Hellersdorfer Winterturnier beherztes Schach und gute Spielideen. Und sie analysierten hinterher gemeinsam ihre Partien wie Horst Nietsch (75) und Moritz Greßmann (siehe Foto).

Dagobert Kohlmeyer
Das Eintracht-Team  

Das Wochenende im Eintracht-Domizil in der Eisenacher Straße verlief in sportlich fairer, harmonischer Atmosphäre. Ein herzlicher Dank gilt wie immer Turnierleiter Horst Schrodt und seinem Team mit den Schiedsrichtern Dr. Joachim Fechner, Norbert Koriath, Stefan Matalla und Dieter Ostwald. Für einen Imbiss haben die Veranstalter wie immer auch gesorgt, so dass die Spieler sich zwischen den Partien entsprechend stärken konnten.
Einige der Favoriten mussten unerwartete Niederlagen einstecken. So kam Vorjahressieger Fabian Jahnz (König Tegel) diesmal nur auf 3,5 Punkte und belegte am Ende Rang 11. "Es bleibt bei unserer Tradition, in jedem Jahr gibt es einen neuen Sieger", sagte Horst Schrodt bei der Preisverleihung. Und das, obwohl 2010 vier frühere Pokalgewinner mitgespielt haben.

Dagobert Kohlmeyer
Titelverteidiger Fabian Jahnz  

Hier die bisherigen Sieger beim Hellersdorfer Winterturnier:

  • 2004: Martin Gebigke
  • 2005: Werner Reichenbach
  • 2006: Marcos Kiesekamp
  • 2007: Axel Stephan
  • 2008: Ruprecht Pfeffer
  • 2009: Fabian Jahnz
  • 2010: Walter Schatz

Dagobert Kohlmeyer
Früh übt sich  

Dagobert Kohlmeyer
Lena Gebigke  

Dagobert Kohlmeyer
Nach getaner Arbeit  

Dagobert Kohlmeyer
Turnierleiter Horst Schrodt  

BSV © 05.04.2010

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